150 Jahre Feldbergschule

Ein Artikel von Gerd-Alexander Portz zur 150-Jahr-Feier der Feldbergschule

Schuljubiläen sind Anlässe, die es angezeigt sein lassen innezuhalten, den Blick zurückzuwenden, ferner die Gegenwart zu betrachten, aber auch Prognosen für die Zukunft zu wagen. Dieser Festtag, der unter dem Motto „Mit den Füßen in der Vergangenheit – Mit dem  Kopf  in der Zukunft“ stand, war für die Feldbergschule am 13. November  2000 gekommen. 150 Jahre zuvor, am Sonntag, den 7. Juli 1850, wurde im historischen Saal des Gasthauses „Römischer Kaiser“ (heute „Alt-Oberurseler Brauhaus Vetter“) durch den Präsidenten des Local-Gewerbevereins, den ehemaligen Reallehrer Alois Henninger, die Gewerbeschule feierlich eröffnet. Er selbst hatte schon vorher  Zeichenunterricht in seiner Oberurseler „Privatschule“ angeboten.

 

Aus kleinsten Anfängen heraus hat sich bis zum heutigen Tage daraus eine leistungsstarke und hoch differenzierte berufliche Schule in der Trägerschaft des Hochtaunuskreises entwickelt, die zusammen mit der Georg-Kerschensteiner-Schule in Bad Homburg v.d.H. und der Saalburgschule in Usingen den Jugendlichen eine Vielzahl berufs- und studienqualifizierender Bildungsgänge anbietet. Alle drei Schulen bestehen aus der klassischen Berufsschule als Pflichtschule und einer Vielzahl an Vollzeitschulformen, von den Berufsfachschulen über Fachschulen, Fachoberschulen bis hin zu den beruflichen Gymnasien. Jede der Schulen verfügt auf Grund der unterschiedlichen Ausbildungsberufe, Berufsfelder, Schwerpunkte und Fachrichtungen über ein eigenes, klar abgegrenztes Schulprofil. Ergänzt wird dieses Bildungsangebot durch das der  beruflichen Schulen in freier Trägerschaft.

 

Wenn man die Entwicklung der Schule betrachtet, wird man bald feststellen, dass sie im Hinblick auf Struktur und Schülerzahl parallel zur Industrialisierung des Herzogtums Nassau und Oberursels im Besonderen verläuft. Hinter dem Begriff der Industrialisierung verbirgt sich der radikale Umbruch in wirtschaftlicher, technischer, politischer und sozialer Hinsicht. Die Maschinen halten Einzug in den Arbeitsprozess und verändern den Lebensraum der Menschen. In Oberursel entsteht 1857 mit der Spinnerei auf der Hohen Mark der seinerzeit größte Betrieb in Nassau. Die Kenntnisse der Volksschule und der Meisterlehre erweisen sich bald als unzulänglich und bedürfen der Vertiefung und Ergänzung.

 

Das 1806 durch den Rheinbund-Vertrag geschaffene Herzogtum Nassau gewinnt durch  die Beschlüsse des Wiener Kongresses seine endgültige Gestalt. Es entsteht ein Staatswesen aus Gebieten unterschiedlicher territorialer Herkunft mit jeweils eigener Geschichte, Religion, Verwaltung und eigenem Schulwesen. All dies gilt es neu zu ordnen. Auch für das Schulwesen wollen die Reformer um Ibell etwas grundlegend Neues, und dafür bestimmend ist das von Herzog Wilhelm erlassene Schuledikt vom 24. März 1817 sowie die gleichzeitig erlassenen Vollziehungsvorschriften. Die einleitende Sätze des Edikts geben die Richtung vor. Man will zweckmäßige, ineinander eingreifende Unterrichtsanstalten schaffen, die sich an den Bedürfnissen des Staates orientieren. Es entstehen allerorts Simultanvolksschulen, einige Realschulen, vier Pädagogien und das Gymnasium zu Weilburg. Zur Errichtung von Fortbildungsschulen sind die Gemeinden jedoch nicht verpflichtet. Es heißt  aber u.a. in § 33 der Dienst-Instructionen für die Herzoglichen Schul-Inspectoren: „Sie werden es sich angelegen sein lassen, die Errichtung von Sonntags- und Abendschulen besonders auf dem Lande zu befördern und zu leiten“.

 

Anders als in anderen Ländern (z.B. in Baden, Hessen-Homburg) oder in Städten wie Berlin und Frankfurt lässt die Gründung von Gewerbe- bzw. Fortbildungsschulen, die in Anlehnung an die Unterrichtszeiten auch Abend- oder Sonntagsschulen genannt werden,  auf sich warten. Sie entstehen erst auf  Betreiben des Gewerbevereins für das Herzogtum Nassau, dessen Sta- tuten am 9. Mai 1849 genehmigt werden. In § 2 der Statuten  heißt es, der Verein wird „zur Beförderung der Gewerbebildung an den bedeutenderen Orten des Herzogthums Gewerbs- und Sonntagsschulen zu veranlassen suchen“. Die Statuten  sehen ferner vor, dass sich bei hinreichender Mitgliederzahl unter dem Dach des Gewerbevereins sogenannte Local-Gewerbevereine gründen können. Am 20. März 1850 kommt es in Oberursel zu Gründung des Local-Gewerbevereins, dessen erster Präsident Alois Henninger wird.

 

henninger_168_200Henninger wurde am 30. Oktober 1814 in Stierstadt geboren. Der Vater ist zunächst dort, später in Weißkirchen als Lehrer tätig. Am Gymnasium in Weilburg legt Henninger  seine Reifeprüfung ab, studiert Theologie und tritt 1838 in das Limburger Priesterseminar ein, welches er aber schon nach sechs Wochen fluchtartig verlässt, um fortan als Hauslehrer und später als Reallehrer in Diez sein Geld zu verdienen. Seine Sympathie und Nähe zu den revolutionären Kräften des Jahres 1848 führen  zu seiner Entlassung aus dem Schuldienst. Von seinem Herzog zur Untätigkeit verdammt, gründet er in Oberursel eine sog. „Privatschule“, d.h., er bietet Unterricht im gewerblichen Zeichnen, aber auch in anderen Fächer der Elementarschule an, um sich, seine Frau und die drei Kinder finanziell über Wasser halten zu können. Daneben betreibt er die Gründung eines Gewerbevereins sowie einer Gewerbeschule und wirbt für dieses Anliegen in dem von ihm begründeten Nachrichtenblatt „Der Taunuswächter“.  Das rührige Werben hat Erfolg. Am 20. März 1850 gründet sich in Oberursel der Local-Gewerbeverein. Henninger wird sein erster Präsident.

 

Am 16. April 1850 beschließt der Gewerbeverein, dem auch Bürgermeister Kunz angehört, die Gründung der Schule, und am 4. Juli teilt „Der Taunuswächter“ mit, dass die Schule am Sonntag, den 7. Juli 1850 um 12 1/2 Uhr unter Mitwirkung des Singkreises, durch die Rede des Lehrers, der Mitteilung der Statuten und des Lehrplanes feierlich eröffnet wird. Die Leitung der Schule liegt in der Hand des Vereinsvorsitzenden Alois Henninger, der von einer Schulkommission unterstützt wird. Fünfzig Lehrjungen und Gesellen gilt es fortan an acht Stunden in der Woche zu unterrichten. Man benötigt also Lehrkräfte und ein Schullokal. Als Lehrer betätigt sich Henninger selbst und als Schullokal dienen die Räume der Volksschule „Auf der Freiheit“, dem heutigen Hollerberg. Nach dem Bau der „Bürgerschule“, der heutigen Grundschule „Mitte“, zieht die Volksschule 1877 in die neuen Räume. Die Gewerbeschule verbleibt aber bis etwa 1903 am Hollerberg und teilt sich die Räumlichkeiten mit Teilen der Stadtverwaltung, um dann wieder Untermieter in der „Bürgerschule“ zu werden.

 

Ermüdet von einem zehn- bis zwölfstündigen Arbeitstag erscheinen nun die Schüler gegen acht Uhr am Abend in der Schule. Man denke auch noch an den langen Fußweg, der auf meist unbefestigten Wegen, z.B. von der Hohemark auf den Hollerberg, zurückzulegen ist. Erschöpft von der Arbeit, in der Regel auch hungrig, sitzen die Heranwachsenden nun in den Bänken der Kleinkinder und sollen für zwei Stunden fortgebildet werden. Anschließend muss ein oft weiter Heimweg angetreten werden, und am folgenden Morgen erwartet man sie in der Regel um sechs Uhr wieder im Betrieb. Fürwahr eine Qual für Schüler und Lehrer. Hinzu kommt noch der Zeichenunterricht, der wegen der abendlich schlechten Lichtverhältnisse am Sonntag vor dem Gottesdienst in der Zeit von sieben bis neun Uhr  durchgeführt wird.

 

Die Aufbruchstimmung hält nicht lange an. Schon Mitte 1851 kommt es zu Zerwürfnissen im Gewerbeverein, die Henninger veranlassen, seine Abschied zu nehmen und nach Heddernheim umzusiedeln, wo er 1862 verstirbt. Der Gewerbeverein löst sich auf und die Schule wird kurzfristig geschlossen. Der Zentralvorstand in Wiesbaden nimmt sich ihrer jedoch an, so dass sie schon im Herbst wieder eröffnet werden kann. Der Schulbesuch ist schwankend, bis sich am 30. August 1855 – also vier Jahre nach seiner Auflösung – erneut ein Gewerbeverein in Oberursel gründet, der die Geschicke der Schule wieder in seine Obhut nimmt. 1856 findet unter Aufsicht des Zentralvorstandes die erste öffentliche Abschlussprüfung  in der Schule statt. Zwölf Geldpreise kommen zur Verteilung, die als Anreiz für gute Leistungen ausgesetzt waren.

 

Dem Bedürfnis der Schulen nach genaueren Anweisungen für Richtung und Maß des Unter- richts, der Stellung der Lehrer und die Handhabung der Disziplin entspricht der Zentralvorstand in Wiesbaden mit den 1859 erlassenen Directiven, die Unterrichtsinhalte, Versetzungen, Dienstpflichten und auch die innere Ordnung regeln. Nach der Annexion Nassaus im Jahre 1866 übernimmt der preußische Staat die Regelungen für die Gewerbeschulen für seine neue Provinz Hessen-Nassau, da sie als vorbildlich gelten.

 

Die Aktivitäten und Erfolge der Schule und des Vereins machen auch den Verantwortlichen in anderen Orten Mut, Gewerbevereine und Gewerbeschulen zu gründen. Neben den bereits bestehenden Schulen in Homburg, Oberursel und Usingen kommt es auf dem Gebiet des heu- tigen Hochtaunuskreises in der Zeit von 1886 bis 1920 noch zur Gründung von 16 weiteren Gewerbeschulen, von denen aber einige nur kurze Zeit existieren. In dieser Zahl nicht enthal- ten sind die Landwirtschaftsschulen, die sog. „Winterschulen“, die es an vielen Orten – so auch in Oberursel – gab. Nicht enthalten sind ferner eine 1881 in Grävenwiesbach eröffnete Korbflechtschule, die Strohflechtschulen von Usingen und Arnoldshain oder die Webschule in Anspach, die alle zur Förderung des Erwerbs im verarmten Hintertaunus gegründet worden waren.

 

Vier zentrale Fragen beherrschen für für die nächsten sechzig bis siebzig Jahre die Diskussion um die Gewerbeschule:

1. Die Finanzierung der Schule,
2. Die fachliche Ausbildung der Lehrer,
3. Die Durchsetzung der Schulpflicht,
4. Die Schaffung eigener Räumlichkeiten.

 

Finanziert werden die Schulen zunächst aus den Schulgeldern, den Zuschüssen des Gewerbevereins für Nassau – refinanziert durch Zuschüsse des Herzogs – und den Zuwendungen der Gemeinden die daraus bestehen, dass diese Schulraum, Heizung und Beleuchtung zur Verfügung stellen. In Oberursel kommt ein Zuschuss von sechzig Gulden hinzu. Spätere Ortssatzungen beteiligen im  Umlageverfahren auch die Betriebe an der Finanzierung.

 

Für den Unterricht stehen anfangs nur die Lehrer der Volksschule und engagierte Mitglieder des Gewerbevereins zur Verfügung. Für den Zeichenunterricht engagiert man Architekten und Techniker, für die in Wiesbaden zentrale Fortbildungen organisiert werden. Ferner bemüht sich der Zentralvorstand darum, dass  im Rahmen der Lehrerausbildung an den Seminaren in Usingen und Montabaur dem Zeichenunterricht mehr Gewicht beigemessen wird. Die Statistik der Schule für der Jahr 1910 weist unter den acht Lehrkräften sechs Volksschullehrer und zwei Architekten aus. Eine gezielte Gewerbelehrerausbildung setzt in Preußen erst kurz vor dem ersten Weltkrieg ein. Die Ausbildung der kaufmännischen Lehrkräfte an den Handelshochschulen datiert früher. In Leipzig beginnt sie im Jahre 1898, in Frankfurt im Jahre 1901. Man studiert dort die noch ungeteilten Handelswissenschaften und wird nach erfolgreichem Abschluss „Diplom-Handelslehrer“, eine Berufsbezeichnung, die sich bis heute erhalten hat. Ein an Berufen orientierter Fachunterricht, soweit ihn nicht Handwerkern erteilen, wird erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts durchgeführt. Vorher besteht der Unterricht, vom Zeichenunterricht einmal abgesehen,  im Wesentlichen aus der Vertiefung und Erweiterung des in der Volksschule Erlernten.

 

Der Besuch des Unterrichts ist anfangs freiwillig, wobei man insoweit steuernd eingreift, als man versucht, in den Lehrlingsprüfungen auch das zu prüfen, was in der Gewerbeschule gelehrt wird. Erst die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes von 1869 legt fest, dass Gesellen, Lehrlinge und Gehilfen unter achtzehn Jahren durch Ortsstatut verpflichtet werden sollen, die Fortbildungsschule zu besuchen. Ein solches Ortsstatut, gegen das es viele Widerstände gab, tritt für Oberursel am 2. Januar 1871 in Kraft und belegt das Schulschwänzen mit einer Geldstrafe. Klare Regelungen gelten erst seit der Änderung der Gewerbeordnung im Juli 1897, dem sog. Handwerkerschutzgesetz, das den Lehrherrn auferlegt, den Schulbesuch zu überwachen. Nach wie vor gelten aber die Satzungen der Städte oder Landkreise. Erst das Reichsschulpflichtgesetz vom 1. November 1938 regelt reichseinheitlich Beginn, Dauer und Erfüllung der Berufsschulpflicht. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nur hundert bis zweihundert Schüler die Schule besuchen, eine vergleichsweise geringe Zahl bei etwa 7.500 Einwohnern und einer Vielzahl von  Handwerks- und Gewerbebetrieben sowie Fabriken. Beispielsweise besteht seit 1892 die Motorenfabrik Seck (heute Rolls Royce GmbH), 1903 siedelt sich Boston Blacking an, 1904 kommt die Maschinenfabrik Turner dazu. Vermutlich wollen sich die Lehrkräfte nur mit den willigen Schülern befassen und verzichten – auch in Anbetracht der räumlichen Situation – mit Duldung der Stadt auf die Durchsetzung des Schulzwanges.

 

Die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende verstärkte Industrialisierung und zunehmende Spezialisierung in Handwerk und Gewerbe erfordern die Ausbildung von Facharbeitern und deren Beschulung in Fachklassen durch fachlich vorgebildete Lehrer. Die Situation an der Gewerbeschule ist aber noch von Abendunterricht, fehlenden Fachkräften und einer unzu- reichenden Raumsituation gekennzeichnet, was zu Beschwerden der Industrie führt. Die Firma Turner erwägt gar die Gründung einer eigenen Werkberufsschule. Zurecht bezeichnet der Münchner Stadtschulrat Georg Kerschensteiner, der Begründer der Arbeitsschulpädagogik, die damalige Fortbildungsschule als „den Schülern gleichgültig, den Meistern lästig, und den Lehrern ein Gegenstand vergeblicher Liebesmüh“. In den hergebrachten Strukturen hat sich die Fortbildungsschule überlebt. Sie scheitert nicht an  zu vielen Feinden, wohl aber an zu wenig Freunden.

 

Im Schuljahr 1908/09 erfolgt erstmals eine Gliederung der Schule nach beruflichen Kriterien, indem Klassen für  Eisenverarbeiter, Bauhandwerker und das sog. Schmückende Gewerbe (z.B. Maler, Tapezierer) eingerichtet werden; 1913 wird zusätzlich eine kaufmännische Klasse eröffnet. Der Unterrichtsplan umfasst folgende Fächer: Berufskunde sowie Naturlehre (zusammen 1,5 Std.), Fachrechnen (1 Std.), Fachzeichnen (2 Std.), Bürgerkunde, Schriftverkehr und Buchführung (zusammen 2,5 Std.).

 

Die Verbreiterung der Basis und die Professionalisierung der Schule ist aber durch den Gewerbeverein nicht mehr zu leisten. Die Mängel in Oberusel werden dem Magistrat im Juli 1918 durch den Gewerbeschulinspektor Kern schriftlich vorgetragen. Der Zentralvorstand in Wiesbaden legt der Stadt die Übernahme der Schule nahe. Der Magistrat mit Bürgermeister Füller an der Spitze fasst im Februar 1919 den entsprechenden Beschluss, der am 1. April 1920 vollzogen wird.  Diese rasche und kluge Entscheidung zeigt, dass die   Verantwortlichen der Stadt erkannt haben, dass Handwerk, Handel und Industrie qualifizierten Nachwuchs benötigen und hierzu auch eine funktionierende Berufsschule erforderlich ist. Für fünfzig Jahre kommt die Schule nun unter die Fittiche der Stadt, nennt sich zunächst „Städtische Gewer- beschule“ und ab 1921 „Städtische Gewerbliche Berufsschule Oberursel (Taunus)“. Die rasche Umbenennung ist notwendig, weil das Gewerbe- und Handelslehrer-Diensteinkom- mengesetz im Juli 1921 erstmals den Begriff „Berufsschule“ definiert und in den offiziellen Sprachgebrauch einführt. Zur Finanzierung der Schule erhält die Stadt Staatszuschüsse und erhebt im Umlageverfahren Schulbeiträge von den Gewerbebetrieben, unabhängig davon, ob diese ausbilden oder keine Lehrlinge beschäftigen. Größter Zahler ist mit 4.350,– Mark Jahresbeitrag die Motorenwerke AG.

 

ludwig_133_200Am 1. April 1920 stellt die Stadt mit Otto Ludwig den ersten hauptamtlichen Lehrer und Leiter der Schule ein. Er hat Maschinenbau studiert und ist seit 1910 als Gewerbelehrer tätig, zuletzt in Solingen. Zunächst erreicht Direktor Ludwig, dass ab 1920 der Unterricht erstmals in den frühen Morgenstunden oder am späten Nachmittag stattfindet. Ein wahrer Durchbruch, denn die Forderung nach veränderten Unterrichtszeiten wird vom Gewerbeverein seit fünfzig Jahren erhoben. Durch die von ihm mitgestaltete neue Ortssatzung  steigt die Schülerzahl rasch an und die Firmen achten auf einen regelmäßigen Schulbesuch ihrer Lehrlinge. Die Gliederung nach Berufsgruppen wird verbreitert. Neben den bereits erwähnten Klassen werden solche für Bekleidungsberufe, Schuhmacher und Sattler und Berufe des Nahrungsgewerbes (z.B. Bäcker) eröffnet.  Ferner sorgt Direktor Ludwig für die Einstellung weiterer hauptamtlicher Lehrer und sucht sich zudem Fachleute, die qualifizierten Unterricht im Nebenamt erteilen können. Die wöchentliche Unterrichtszeit beträgt zwischen sieben und acht Stunden. Dies bleibt das Stundenmaß bis 1969. Erst seit dieser Zeit werden 12 Wochenstunden (vier Stunden allgemein bildender und acht Stunden berufsbildender Unterricht) erteilt. Otto Ludwig bleibt bis zum 30. September 1931 in Oberursel. Dann folgt er einem Ruf des Preußischen Ministers für Handel und Gewerbe als Professor für Technik und Methodik an das Berufspädagogische Institut in Frankfurt. Seine Fachbücher zum Maschinenbau  werden mehrfach aufgelegt und gelten als Standardwerke.

 

pristaffAls Nachfolger von Professor Ludwig wird am 1. Oktober 1931  der bereits an der Schule tätige Gewerbelehrer Wilhelm Pristaff berufen, der die Schule bis 1965 leiten soll. Ein lange und schwierige Zeit liegt vor ihm. Er muss die Schule durch die sofort einsetzenden Notjahre, das Dritte Reich, den Zweiten Weltkrieg und die Zeiten des Wiederaufbaus führen. Die Schließung der Motorenwerke und die Notjahre bescheren der Stadt erhebliche Steuerausfälle und viele Arbeitslose. Die notwendigen Sparmaßnahmen führen zur Kürzung des Unterrichts auf sechs Wochenstunden. Für mehr als 200 Jugendliche organisieren Stadt und Schule gewerbliche, kaufmännische und hauswirtschaftliche Lehrgänge, die vom „Notwerk der Deutschen Jugend“ unterstützt werden.

 

Die Ideologie des Dritten Reiches erfasst auch die Berufsschule. Die neuen Machthaber führen für alle Berufsschüler ab 1934 den „Reichsberufswettkampf“ ein, der von der Deutschen Arbeitsfront organisiert wird. Zur Werbung für die neu aufgestellte Luftwaffe und zur vormilitärischen Ausbildung werden an der Schule sog. „Luftfahrt-Lehrgänge“ durchgeführt, in denen der Segelschein erworben werden kann. Für den Modellbau wird eigens eine Werkhalle angemietet. Lehrbeginn und -abschluss werden durch die Frankfurter Gauleitung als Massenveranstaltungen  organisiert. Jüdische Lehrlinge werden wegen angeblich „weltanschaulicher und charakterlicher Mängel“ bereits 1936 von den Abschlussprüfungen ausgeschlossen.

 

Für die Organisation der Schule ist das Jahr 1935 bedeutsam. Der Einzugsbereich der Schule wird auf  die Gemeinden Stierstadt, Kalbach, Weißkirchen und Steinbach ausgedehnt. Ferner wird zur Bildung weiterer Fachklassen ein Schülertausch mit Bad Homburg vereinbart. Am 1. April 1938 wird mit der Beschulung von Mädchen begonnen, für die eigens ein Nähsaal eingerichtet wird. Mit der fbs1technischen Lehrerin Gerda Ziegler kommt die erste weibliche Lehrkraft an die Schule. Bedingt durch diese beiden Maßnahme steigt die Schülerzahl von 201 (Schuljahr 1934/35) auf 543 (Schuljahr 1940/41) an. Kriegsbedingt werden in der Folgezeit die Lehrkräfte zur Wehrmacht eingezogen. Die Schülerzahlen halbieren sich, weil nach und nach auch die Schüler zum Kriegsdienst herangezogen werden oder ihre Arbeitskraft in den Betrieben benötigt wird. Die Berufsschule wird zur Nebensache. Im Januar 1945 kommt der Schulbetrieb gänzlich zum Erliegen, kann jedoch schon am 7. Januar 1946 mit 357 Schülern wieder aufgenommen werden.

 

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre, dem sog. „Wirtschaftswunder“, gehen nachhaltige Anstrengungen in der Lehrlingsausbildung einher, denn man benötigt dringend qjahnualifizierte Arbeitskräfte. Die Schülerzahl steigt im Schuljahr 1953/54 auf 1.194 Schüler an und die Grundschule „Mitte“ platzt aus allen Nähten. Es ist dringend Abhilfe geboten. Am 14. August 1954 wird durch Bürgermeister Kappus der Grundstein für den 1. Bauabschnitt des Schulhauses  an der Oberhöchstadter Straße gelegt. Nach 105 Jahren als „Untermieter“ besitzt die Schule ab 1955 ihr erstes eigenes Haus. Dem 1. Bauabschnitt sollen bis 1990 noch sieben weitere folgen. Mit dem verfügbaren Raum ist es jetzt auch möglich, schulische Vollzeitangebote anzubieten. 1956 wird eine Berufsaufbauschule, 1957 eine hauswirtschaftliche Berufsfachschule eröffnet. Dem erweiterten Bildungsangebot entsprechend wird die Schule in „Städtische Berufs- und Berufsfachschule“ umbenannt. Am 31. März 1965 endet die 34jährige Dienstzeit von  Direktor Pristaff. Sein Nachfolger wird für die nächsten 23 Jahre Friedrich Jahn.

 

urkundeIn die Ära Jahn kommt es zum zweimaligen Wechsel des Schulträgers. Eine Novelle des Schulverwaltungsgesetzes aus dem Jahre 1969 führt am 1. Januar 1970 zum Übergang der Schule aus der Trägerschaft der Stadt Oberursel in die des Obertaunuskreises, an die sich am 1. August 1972 der Übergang in die Trägerschaft des aus der Gebietsreform hervorgegangenen Hochtaunuskreises anschließt. Da der städtische Bezug im Namen der Schule nicht mehr passt, gilt es, einen neuen Namen zu finden. Aus vielen Vorschlägen wird der Name „Feldbergschule Oberursel“ ausgewählt und in der Urkunde vom 9. Oktober 1970 besiegelt.

 

Ein erstes Anliegen von Direktor Jahn ist die Einführung einer klaren, an Berufen und Fach- richtungen orientierten  Konzeption für die beiden Schulen  des Obertaunuskreies. Seine diesbezügliche Studie sorgt für manchen Wirbel, wird letztlich aber umgesetzt. Neue Schulformen sollen folgen. Im September 1970 wird ein Wirtschaftsgymnasium eröffnet, an dem die Schüler seit fbs31971 die allgemeine Hochschulreife erwerben können. 1975 folgen die Eröff nung eines Berufsgrundbildungsjahres und der zweijährigen Berufsfachschule mit den Schwerpunkten „Metalltechnik“ und „Wirtschaft und Verwaltung“. In den Schwerpunkten korrespondierend tritt 1977/78 die Fachoberschule in der einjährigen Form hinzu, die Schüler mit Mittlerer Reife und abgeschlossener Berufsausbildung zur Fachhochschulreife führt. 1985 wird die zweijährige Berufsfachschule zur Ausbildung von Fremdsprachensekretärinnen eröffnet.

 

Die Ausbildung der geburtenstarken Jahrgänge in der Berufsschule und das erweiterte voll- schulische Angebot lassen die Schülerzahlen in dieser Zeit von 967 auf 1.714 ansteigen. Die Zahl der Lehrkräfte erhöht sich von 28 auf 61. Die räumliche Situation wird unerträglich. In mehreren Bauabschnitten erhält die Schule neue Klassenräume, mehrere Werkstattbereiche sowie eine Sporthalle. Auch die Ausstattung wird neuesten Erfordernissen angepasst. 1973 hält mit einem Computer von  Siemens/Nixdorf die EDV Einzug in die Schule. Am 31. Juli 1988 endet die Dienstzeit von Direktor Jahn und die des Verfassers beginnt.

 

portzIn den Jahren 1989/90 werden neue Klassenräume und ein Parkhaus erstellt. Im Innern er- folgen neben der neuzeitlichen Ergänzung der Ausstattung der Werkstätten die komplette Neuausstattung des naturwissenschaftlichen Bereiches und die Erweiterung der EDV-Ausstattung von einst zwei auf zwischenzeitlich acht große Fachräume. Wo einst das Kochen erlernt wurde, arbeiten heute Schüler handlungsorientiert in einem vernetzten Lernbüro. So manche Lücke in der Ausstattung schließt auch der seit 1988 bestehende Förderverein.

 

Auch neue Schulformen halten Einzug. 1992 wird die einjährige Fachoberschule für Wirt- schaftsinformatik eröffnet. Ab 1997 erfolgt die Eröffnung der zweijährigen Fachoberschule, die heute in den Schwerpunkten „Wirtschaft und Verwaltung“, „Wirtschaftsinformatik“ und „Technik“ besteht. Mehr als 200 Schüler besuchen derzeit diese Schulform, in der sie binnen zwei Jahren von einem Mittleren Abschluss zur Fachhochschulreife geführt werden. In der Berufsschule ändern sich die Berufsbilder. Von machen Berufen muss auch gänzlich Abschied genommen werden. Nachdem schon 1986 die Beschulung der Textilberufe einge- stellt wird, folgen ihnen 1991 die Glas bearbeitenden Berufe und 1992 die hauswirtschaftlichen Berufe. Als Spiegelbild industrieller Entwicklung halbieren sich die Schülerzahlen in den Metallberufen. Heute werden von  74 Lehrkräften, Referendaren und Lehrbeauftragten 1.251 Schüler unterrichtet; 624 davon besuchen vollschulische Bildungsgänge, die  übrigen die Berufsschule. Betriebspraktika sowie eine umfassende interne und externe Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte sorgen für das notwendige Know-how. Auch die Schülerinnen und Schüler sammeln in bis zu einjährigen Praktika, die auch im Ausland durchgeführt werden, sowie in gemeinsamen Projekten mit  den Ausbildungsbetrieben erste Erfahrungen mit der Berufs- und Arbeitswelt. Mit der Gründung einer Theater-AG, der Durchführung von Kunstausstellungen und durch die Zusammenarbeit mit anderen Bildungsträgern  öffnet sich sie Schule zunehmend ihrem Umfeld.

 

Schon in Bälde wird die Schule, die durch die Schwerpunkte „Wirtschaft und Verwaltung“, „Wirtschaftsinformatik“ und „Metalltechnik “ geprägt ist, ein neues Profil erhalten. Im Jahre 1990 hat der Kreistag mit dem Konzept „Berufsschule 2000“ die Umstrukturierung der beruflichen Schulen in Bad Homburg v.d.H. und Oberursel beschlossen. In ihm ist festgelegt, dass die Georg-Kerschensteiner-Schule ein rein gewerbliches und die Feldbergschule ein rein kaufmännisches Profil erhalten. Mit dem Umzug der Georg-Kerschensteiner-Schule nach Oberursel, der in den Jahren 2002/03 erfolgen wird, soll diese Neuausrichtung vollzogen werden. Die Feldbergschule  nimmt dann Abschied von dem Bereich „Metalltechnik“ und bündelt  im Gegenzug alle kaufmännischen Ausbildungsberufe und Vollzeitschulformen des Hochtaunuskreises unter ihrem Dach. Da dieses Dach nicht hinreichend groß ist, stehen umgehend räumliche Probleme ins Haus. Hier sieht die Schulgemeinde in gespannter Erwartung einer raschen Entscheidung des Schulträgers entgegen, die sicherlich von finanzieller Großzügigkeit einerseits und planerischer Weitsicht andererseits geprägt sein wird.

 

Literatur und Quellen:

Firnhaber, C. G.: Die Nassauische Simultanvolksschule – Bd. II Wiesbaden 1883
Gewerbeverein für Nassau: Mittheilungen für den Gewerbeverein  des Herzogthums Nassau 1847 – 1920 (ab 1866 …Gewerbeverein für Nassau), Wiesbaden
Henninger; Alois: Gewerbeschule für Oberursel, in: Der Taunuswächter Nr. 7  vom 21. April 1850
Hochtaunuskreis (Hrsg.): Festschrift – 130jähriges Bestehen der Feldbergschule (1850 -1980), Bad Homburg v.d.H. 1980
Korf, August: Festschrift zur 50jährigen Jubiläumsfeier des Local-Gewerbevereins Oberursel,
Oberursel 1901
Lautz, Theodor: Geschichte des Gewerbevereins für Nassau – Festschrift zur fünfzigjährigen Jubiläumsfeier 1895 -, Wiesbaden 1895
Lerner, Franz: Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Nassauer Raumes 1816 . 1964, Wiesbaden 1965
Portz, Gerd-Alexander: Mit den Füßen in der Vergangenheit – Mit dem Kopf in der Zukunft 150 Jahre Feldbergschule Oberursel (1850 – 2000), Oberursel 2000
Portz, Gerd-Alexander: 150 Jahre Feldbergschule Oberursel, unveröffentlichtes Manuskript der Festansprache vom 13. November 2000
Schmidt, Johann: Ein Dichter des vorderen Taunusgebietes, in: Der Taunuswächter Nr. 15 vom 3. Oktober 1964
Stadtarchiv  der Stadt Oberursel: Acten – Generalia betreffend Fortbildungsschule
Stahl, Kurt: Die Geschichte der Berufsschule, unveröffentlichtes Manuskript zur Feier  des 100jährigen Bestehens der Schule im Jahre 1951
Trubel, Joachim: Geschichte der Städtischen Berufs- und Berufsfachschule Oberursel (Taunus), unveröffentlichte Diplomarbeit am Lehrstuhl für Berufspädagogik und Didaktik der Technischen  Hochschule Darmstadt, Darmstadt 1968
Wollenberger, Wilhelm: Hundert Jahre Handwerker- und Gewerbeverein Oberursel und Umgebung, Oberursel 1951